8) Multi-Table Poker Turnier Strategie


+ Bankroll Management

Wer sich ausschließlich auf Multi Table Turniere als Pokervariante festgelegt hat, braucht eine dementsprechend große Bankroll. Die Mehrheit der Pokerprofis spricht von mindestens 50 Turnier Buy-Ins als absolute Untergrenze, besser eher 100 Buy-Ins. Denn bei einem großen Turnier zu gewinnen ist schwierig. Wenn man aber in die Moneys kommt, dann kann man dafür hoch gewinnen. So muss der Turnierspieler auch mit langen Verlustphasen rechnen, bis er die Moneys erreicht und die Bankroll muss daher so hoch sein, um diese Phasen leicht durchzustehen.

+ Besonderheiten des Multi Table Turniers

Ein Turnierprofi sagte einmal, dass man im Turnier einen Zahnstocher setzt, um einen Baumstamm zu gewinnen. Das hört sich gut an, denn die Gefahr, viel Geld zu verlieren ist nicht sehr groß. Der Einsatz ist vorher bereits entrichtet und mehr kann man nicht verlieren (außer bei Rebuy-Turnieren). Der Glücksfaktor bei Turnieren ist höher als bei jeder anderen Pokerart, dennoch ist eine solide Strategie ein absolutes Muß, damit nicht passiert, dass die Anzahl der eingesetzten Zahnstocher mehr werden als jeder Baumstamm, der gewonnen werden kann.

Eine weitere Besonderheit bei großen Multi Table Turnieren ist, dass nur etwa 20% der Spieler als Gewinner aussteigen. Das heisst andererseits, dass 4 von 5 Spielern leer ausgehen. Die sicheren Verlierer sind besonders jene Spieler, die sich nicht bewusst sind, dass ein großes Turnier viele Stunden dauern kann, dass es die unterschiedlichsten Turnierphasen gibt und die Strategie sich mit der Zeit immer ändert. So haben typische Cashgame Spieler ihre Probleme, wenn sie einmal an einem Turnier teilnehmen, die Beständigkeit des Cashgames ist im Multi Table Turnier nicht gegeben. Jeder, der an einem großen Turnier teilnimmt, muss damit rechnen, stundenlang konzentriert zu bleiben, und sich nicht ärgern, wenn er nach ein paar Stunden dennoch leer ausgeht. Dafür winken unglaublich hohe Summen, wenn man es nach oben schafft.

Je länger das Turnier dauert, desto mehr wächst der Druck auf die Spieler, die Blinds werden einmal so hoch sein, dass keine richtigen Spielzüge mehr durchgeführt werden können. Der gute Turnierspieler passt sich hier perfekt an, er ist der unauffälligste Spieler in der Anfangsphase und unter Umständen der größte Aggressor in der späten Phase. Die Grundstrategie beim Turnier heisst schlicht: so lange wie möglich überleben. Anders ausgedrückt: wer vor dem Turnier sagt, er will das Turnier gewinnen, wird nach 30 Minuten ausgeschieden sein, denn sich so ein Ziel bei einem großen Turnier zu setzen ist schlicht unmöglich. Aber es ist selbstverständlich möglich, langfristig Plus zu machen, wenn man die Phasen des Turniers kennt und so auf Dauer öfter in den Preisrängen landet.

Kann man Turniere gut spielen? Diese Frage ist interessant, denn in einer späten Phase des Turniers gibt es fast nur mehr All-Ins, also viel vom Glück abhängig. Dennoch: wer oft in diese Turnierphase kommt, wird auch oft die Moneys erreichen. Und gut spielen heisst geduldig spielen und gleichzeitig aggressiv, wenn es notwendig ist.

+ Der Turnierablauf

Man darf sich nicht blenden lassen von den TV-Zusammenschnitten der riesigen Turniere. Dort werden nur die Situationen gezeigt, die einen TV-Zuschauer interessieren könnten, also Action und All-In Situationen, Bluffs und so weiter. Nicht gezeigt wird, wie ein Spieler vielleicht eine Stunde lang überhaupt nicht mitspielt.

Bei großen Multi Tisch Turnieren scheiden nach einer Stunden oft schon 30% der Spieler aus. Das sind diejenigen, die in der Anfangsphase "normal" spielen wollen. Dem guten Spieler interessiert die Action in der ersten Stunde sehr wenig. Man hat so viel Zeit, auf gute Hands und gute Gelegenheiten zu warten, dass Karten wie z.B. JJ absolut uninteressant sind.

Die Kartenwerte sind also sehr schwankend. Den größten Fehler, den man machen kann, ist also in der frühen Turnierphase oft mitzuspielen. Man kann ja auch oft beobachten, dass zu Tuurnierbeginn der Gewinner eines All-Ins meistens wirklich nur AA oder KK hält und damit einen Spieler mit AJ oder TT schlägt. Später sind die Hands nicht mehr so entscheidend, sondern die Chips und gegen wen man aggressiv vorgeht. In der frühen Turnierphase interessieren also NUR die Top-Hands, Erhöhungen wirken ausserdem nicht so stark, denn die Blinds sind und bleiben eine Zeit lang sehr niedrig, dass Aussteigen leicht gemacht wird. Überspitzt formuliert: In der ersten Stunde des Turniers kann man also noch die Kinder ins Bett bringen, Zigaretten holen, zu Abend essen... hat man die erste Stunde einfach nur halbwegs gesund überstanden, steigen die Chancen, weit zu kommen.

Aber nach einer gewissen Zeit erreicht das Turnier eine Phase, in der man auch agieren muss, und das sehr aggressiv. Die Blinds werden immer höher, das bedeutet, dass es immer wichtiger wird, sie zu gewinnen - denn wer nicht auf die Blinds spielt, wird von den Blinds aufgefressen! In der Halbzeit-Phase des Turniers beginnt eine neue strategische Ausrichtung: man spielt keine Hands mehr, man spielt Chips. Immer noch ist das Ziel das Überleben, nur muss jetzt dafür etwas getan werden. Man wird wie gesagt vor allem die Blinds attackieren müssen. Und wenn man in die Runde einsteigt, dann mit nur mit Erhöhungen.

Immer besonders wachsam muss man auf den Stack (der Anzahl der Chips) der Gegner achten, besonders die ganz kleinen und ganz großen Stacks: die einen MÜSSEN mitgehen, die anderen KÖNNEN mitgehen. Daher werden in der späteren Phase des Turniers eher die mittleren Stacks angegriffen, denn diese werden noch am passivsten sein.

Gegen Ende des Turniers, kurz vor den Moneys ist das Spiel verkrampft. Das Spiel heisst jetzt Push or Fold, also All-In oder Aussteigen. In dieser Phase sind die ganz großen Stacks am gefährlichsten, die kleineren aber müssen nun entweder mit irgendeinem Müll All-In gehen oder aber in der Hoffnung aussteigen, dass andere kleine Stacks vor ihnen rausfliegen und sie noch die Moneys erreichen. In dieser Phase ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass ein As im Vorteil gegen zwei Karten ohne As ist und jedes Paar wird im Vorteil sein gegen eine Hand, die kein Paar ist -mit einem kleineren Stack sind das die Standard All-In Situationen, mit einem großen Stack gute Druckmittel.

+ Der Stack als Maßstab

Wie man im Turnier wirklich steht, liegt am Verhältnis von der Anzahl der Chips und der Höhe der Blinds bzw. in einer früheren Phase auch der durchschnittlichen Anzahl der Chips aller Spieler. Wenn man sich am Average Stack, dem Durchschnitt aller Stacks der verbleibenden Spieler orientiert (das funktioniert in der Regel nicht mehr am Turnierende), dann kann die 50%-Marke eine gute Regel sein: das Ziel ist zu verdoppeln, wenn man nur mehr die Hälfte der Durchschnitts-Stacks, oder weniger hat. Wenn man ein durchschnittliches Stack hat, dann besteht noch lange die Möglichkeit, auf gute Gelegenheiten zu warten.

In der heißen Phase wird man jedoch jede Strategie am Verhältnis von Stack und Blinds ausrichten: Besteht der Stack aus über 20 Big Blinds, besteht kein Grund für zu viel Risiko. Bei 10-20 Big Blinds soll verdoppelt werden, Erhöhungen werden mit All-Ins beantwortet, aber die Hands sollen wertvoll sein.

Nur wenn man unter die Marke von 10 Big Blinds fällt, dann entsteht die Push-or-Fold Phase und jedes As, jeder King ist bereits ein All-In. Es gibt eigentlich drei verschiedene Arten von Gegner in der Push-or-Fold Phase: Spieler, die mitgehen müssen (die kleinen Stacks), dann Spieler die mitgehen können (die großen Stacks) und Spieler, die nicht mitgehen wollen (die mittleren Stacks). Letztere steigen am häufigsten aus, sie liegen nicht überragend, aber dennoch chancenreich im Turnier, ihnen tut es am meisten weh, wenn sie viele Chips verlieren.

Pokern lernen: 9.) Sit-and-Go Strategie